10412-01 TAZ, Lukas Dubro – Fußverkehr Deutschland, FUSS e.V.

  • 12.10.2010

Fußverkehr Deutschland

Seit 25 Jahren engagiert sich der Fachverband FUSS e. V. für die Rechte der Fußgänger im Straßenverkehr

Sie sollen ein Denkzettel für falschparkende AutofahrerInnen sein, die weiß-blauen Aufkleber mit der Aufschrift „Parke nicht auf unseren Wegen“. Immer wieder kann man sie im Straßenverkehr entdecken, zumeist auf den Windschutzscheiben von Pkws, die auf dem Gehsteig stehen und dort den Weg für Passanten blockieren.

400.000 dieser Aufkleber hat der Fachverband Fußverkehr Deutschland (kurz FUSS e. V.) seit 2005 deutschlandweit abgesetzt, achtmal so viel wie in den fünf Jahren zuvor. „Das Problem des Falschparkens ist also wieder größer geworden“, folgerte Stefan Lieb, Sprecher des Verbandes, gegenüber der taz. Von diesem Problem aber einmal abgesehen, seien Städte wie Berlin auf einem guten Weg zu einer fußgängerfreundlicheren Stadt.

Dies geht unter anderem auf das Engagement des FUSS e. V. zurück. Vor 25 Jahren mit dem defensiven Untertitel „Fußgängerschutzverein“ gegründet, ist der Verein zum bedeutendsten Lobbyverband für Fußgänger in Deutschland geworden, der bundesweit 600 Mitglieder zählt. Hervorgegangen ist der Verein aus dem Arbeitskreis Verkehr und Umwelt, oder auch „Umkehr e. V.“, der auch heute noch ein wichtiger Bündnispartner des Vereins ist. Im FUSS e. V. sind vor allem Fachkundige und Interessierte aktiv, da eines der Hauptaufgabenfelder die Arbeit in Arbeitsgremien, Fach- und Stadtplanungsausschüssen ist.

Dort bringt der Verein seine Vorschläge für die Verbesserung der Situation von Passanten ein. Immer wenn eine Änderung der Straßenverkehrsordnung (StVO) ansteht, wird der FUSS e. V. zur Stellungnahme aufgefordert. Als 2001 eine StVO-Novelle anstand, welche die Situation von FußgängerInnen verschlechtert hätte, verfasste der Verein ein 75-seitiges Papier und stoppte so erfolgreich die Novelle.

Generell würde der Verein die StVO gern zu einer bürgernahen Straßen-NutzerInnen-Ordnung umfunktionieren, die benutzerfreundlicher ist und klar die Rechte und Pflichten aller VerkehrsteilnehmerInnen definiert. „Die aktuelle Regelung ist einfach zu unstrukturiert“, bemerkte Lieb zur StVO.

Zudem hat der Verein einen Masterplan Fußverkehr Deutschland ausgearbeitet. Neben der Erhöhung der Bundesmittel für die Förderung des Zufußgehens auf zehn Prozent der gesamten Verkehrsinvestitionen, will der FUSS e. V. in Deutschland die sogenannten „Begegnungszonen“ einführen.

AutofahrerInnen sollen dort nur zwanzig Kilometer pro Stunde fahren dürfen und FußgängerInnen Vortritt haben, wenn sie die Fahrbahn überqueren wollen. Anders als die verkehrsberuhigten Zonen, die in Deutschland nur in Nebenstraßen zu finden sind, sollen die Begegnungszonen auch auf Hauptverkehrswegen zum Einsatz kommen. „Damit soll das Leben für alle Verkehrsteilnehmer angenehmer gemacht werden“, erhofft sich Lieb. In Frankreich, Belgien und der Schweiz seien diese Zonen sehr gut aufgenommen worden.

In Berlin arbeitet der Verein seit Oktober 2003 gemeinsam mit dem BUND, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, den Bezirken und anderen Bürgerinitiativen an einem Wegesystem als Grünflächen-Vernetzung für Fußgänger und Radfahrer. Das Projekt trägt den Namen „20 grüne Hauptwege für Berlin“ und soll autofreie Wege durch die Natur schaffen. Straßenquerungen sollen bequemer und sicherer gemacht und eine Beschilderung der Wege zur Orientierung errichtet werden. Insgesamt soll das Netz 550 Kilometer lang sein und die gesamte Stadt durchziehen. „Dadurch soll der Freizeit- und Alltagsfußverkehr attraktiver werden“, erhofft sich Lieb.

Für seine Arbeit freut sich der Verein über jede Verstärkung. Grundvoraussetzung ist ein gewisses Interesse für die Thematik Fußverkehr, da der Verein nicht sehr aktionsorientiert ist, sondern hauptsächlich in Gremien und Ausschüssen arbeitet. „Man braucht trotzdem keinen Professorentitel“, sagte Lieb.

Ansonsten ist der Verein dankbar über aufmerksame MitbürgerInnen, die Eigeninitiative zeigen. So versucht er Leute zu motivieren, sich an die zuständige Behörde zu wenden, wenn ihnen eine Ampelschaltung auffällt, deren Grünphase nicht ausreicht, damit man als Fußgänger die Straße überqueren kann. Ein Beispiel hierfür ist die Ampel am Ring-Center auf der Frankfurter Allee. „Für alle anderen gibt es natürlich auch noch die Aufkleber“, ergänzt Lieb.

LUKAS DUBRO

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