16103-01 40 Jahre in der Bergmannstraße ansässig – Ein Brief

Ein Brief von Klaus-Jürgen Liedtke  an Lutz Stolze

Abwrackprämie für die Bergmannstraße?

Wieder greift man zu einem großen Vorschlaghammer gegen eine überaus lebendige, intakte kleine Straße – ja, lediglich das Teilstück einer Straße, die bereits 1980 verstümmelt und in zwei Abschnitte geteilt wurde und damals ihren einheitlichen Charakter verlor (übrigens seinerzeit sehr zum Schaden der Gewerbetreibenden in der Markthalle). Aus dem östlichen Teilstück ist eine tote Zone geworden, überspitzt gesagt, gibt es hier Leben lediglich im Café Strauß auf dem Gelände der Friedhöfe – obwohl der Marheinekeplatz selbst gewonnen haben mag. Die Straße aber ist zu einer reinen Durchgangsstrecke für den Ost-West-Radverkehr verkommen.
Nun sollen die gewachsenen Strukturen auch auf dem Stück zum Mehringdamm zerstört werden. Zugegeben, auf Fußgänger, vor allem Kinder, sollte mehr Rücksicht genommen werden.
Aber die größten Probleme hat der Bezirk mit dem Bau des für die Straße völlig überdimensionalen Gesundheitszentrums selbst verursacht und dadurch eine enorme Massierung von Verkehr in Kauf genommen (Lieferverkehr, Krankentransporte, kurzparkende Kunden).

Seit 40 Jahren in der Bergmannstraße ansässig und vor einigen Jahren erfolglos im Protest gegen diesen Klotz, werde ich nun Zeuge, wie meine (Teil)Straße kaputtsaniert werden soll – um was daraus zu machen? Eine beruhigte „Zone“, die in meinen Augen vor allem eins verspricht: Leben abzuwürgen. Dabei will mir nicht einleuchten, warum es nötig sein soll, künstlich einzugreifen, um die Straße rein äußerlich, mit ästhetisch kleinkarierten, provinziellen Zwangsmaßnahmen umzugestalten? Nicht einleuchten will mir auch, warum nicht eine Lösung wie in der Verlängerung, der Kreuzbergstraße, möglich sein soll, mit durchgängigen Radstreifen, die die Fahrbahn für Autos verengen würden – nur weil das Tempo 20-Gebot dem widerspricht? Abschreckende Beispiele für Berliner Straßen ohne parkende Autos bietet übrigens nicht nur die Maaßenstraße, sondern vor allem die tote Gegend um die Steinmetzstraße. Die Austreibung des Autoverkehrs bewirkt ein künstliches Straßenbild, die Austreibung normalen Lebens mit seiner „Kreuzberger Mischung“ und verstärkt die Tendenz zur reinen Amüsiermeile.
Daher bleibe ich – auch nach der Bürgerwerkstatt – bei meinem Plädoyer für den Status quo.
Wenn ich mir auch den einen oder anderen Zebrastreifen mehr zum Überqueren der Straße wünschen würde. Und eine Kameraüberwachung von Tempo 30 oder der weitgehend nicht befolgten Rechts-vor-Links-Regelung an der Einmündung der Solmsstraße
Bedenkenswert erscheint mit der Vorschlag eines Gewerbetreibenden: Einführung einer Testphase mit totalem Halteverbot für drei Monate, danach Auswertung des Experiments „tote Zone“.

Klaus-Jürgen Liedtke

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