16144-01 SZ von Jens Bisk – Peter Eingartner iS Modellversuche Begegnungszonen

Schauplatz Berlin Straße in Kreuzbergrot

Ein Architekt hat einen Plan für die Gneisenaustraße: mit Bänken und Buden in Kreuzbergrot. Sie könnte ein Raum für alle sein, die sich mit dem Nebeneinander von Begegnungszonenidylle und Verwahrlosung nicht abfinden wollen.

Von Jens Bisky

Auch so sehen Berliner Träume heute aus: die Parkplätze werden verlegt, das Gestrüpp gerodet, schweres Räumgerät rollt an und befördert die Waschbetonbeete auf die Müllhalde. Dann können Rasen und Bäume wachsen, davor lange Bänke mit hohen Rückenlehnen stehen und an einigen Stellen Kioske, funktionale Buden in dem Rot, in dem auch die Bänke leuchten. „Kreuzbergrot“ nennt es der Architekt Peter Eingartner. Ohne Auftrag hat er Pläne für eine Renaissance der Gneisenaustraße entworfen. Ab Freitag sind sie im Haus 1 am Waterloo-Ufer zu besichtigen, ein Vorschlag zur Straßengestaltung.

Peter Eingartner hat sein Büro in einem Gewerbehof in der Gneisenaustraße, die einmal ein Boulevard mit breitem Mittelstreifen war. Sie ist Teil des Generalszugs, entstanden in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als in Berlin Boulevards nach Pariser Vorbild geplant wurden. Heute sieht der Mittelstreifen aus wie Gelände, mit dem keiner etwas anzufangen weiß. Er gammelt so vor sich hin. Historische Fotografien zeigen, wie differenziert und überlegt der Straßenraum einst gestaltet war. Diese Kultur ist in Berlin nach Krieg, Wiederaufbau, Teilung verloren gegangen. Eingartner will nie gewesenen Postkartenglanz restaurieren, er wirbt für eine kultivierte Gestaltung des Raums: Mittelstreifen entrümpeln, neue Oberflächen, sparsame, einheitliche Möblierung, all das neu eingefasst. Eine Promenade auf zwei Kilometern Länge wäre gewonnen.

Vor allem aber gäbe es ein Beispiel für einen anspruchsvoll gestalteten öffentlichen Raum, der die Bürger, die ihn nutzen, zu einem urbanen Auftritt inspiriert. Berlin ist berühmt geworden, als die Stadt, in der man sich gehen lassen kann, in der jeder auf Straßen und Plätzen, in Parks und Bahnhöfen sich nach seiner Fasson amüsieren kann – und dabei auch rumsauen, wie er oder sie will.

An einigen Orten, am Kotti in Kreuzberg oder an der Warschauer Straße kollabiert diese Kultur der Enthemmung gerade, geht mit Diebstahl, Gewalt, gesteigerter Aggressivität einher. Es wird ungemütlich, nur Polizei kann noch helfen. Es begann an jedem dieser Orte mit der Vernachlässigung des öffentlichen Raums, mit Gleichgültigkeit angesichts der ersten Spuren von Verwahrlosung. Auf dem Mittelstreifen der Gneisenaustraße ließe sich etwas anderes erproben. Klar, würde das Geld kosten, aber die Stadt gibt ja einige Hunderttausend Euro für Modellversuche mit „Begegnungszonen“ aus. In der Schöneberger Maaßenstraße kann man das Ergebnis bestaunen: eine Fahrbahn gesperrt, Metallbänke, auf denen keiner sitzt, peinlich bunte Poller. Das sieht aus, als müsse eine Kita die Terrorabwehr proben. Da wurde Straße gegen die Stadt gestaltet, gegen den Verkehr, gegen die Händler und vor allem gegen die Wirte mit ihren Tischen draußen. Und das mitten in einem Ausgehviertel des Westens. Offenkundig will man eine Großstadt ohne Großstadt, nur ist so richtig keiner zufrieden mit dem Ergebnis. Die Gneisenaustraße mit Bänken und Buden in Kreuzbergrot wäre immer noch viel befahren und laut. Aber sie könnte ein gestalteter großstädtischer Raum für alle sein, die sich mit dem Nebeneinander von Begegnungszonenidylle und Verwahrlosung nicht abfinden wollen.

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